Zum 16. Juni



Wer da glaubt an den Sohn Gottes, der hat solches Zeugnis bei ihm (in sich) selbst. - 1. Joh. 5, 10

Hier dürfte jemand in Zweifel ziehen, ob ein Mensch in diesem Leben wirklich wissen könne, dass er ein Kind Gottes sei, und ob er eine volle Gewissheit dessen suchen könne und müsse. Es ist dies gewöhnlich eine der Entschuldigungen der Unbußfertigen und wird von solchen angewandt, die am besten in der Finsternis und der Ungewissheit gedeihen. Die Schrift bezeugt aber, dass die alten Gläubigen alle durch den Glauben Zeugnis überkommen haben, dass sie Gott gefielen, und nur durch einen solchen Glauben war es ihnen möglich, den Märtyrertod mit Freuden zu erdulden. Die Apostel sagen ausdrücklich: „Derselbe Geist gibt Zeugnis unserem Geist, dass wir Gottes Kinder sind.“ „Wer da glaubt, der hat solches Zeugnis in sich selbst.“ „Wer dem Zeugnis Gottes nicht glaubt, der macht Gott zum Lügner.“ Beachte dieses Letztere! Wenn der Herr ausdrücklich ruft: „Wer da will, der komme“ oder „Wenn deine Sünden auch blutrot sind, sollen sie doch schneeweiß werden“ — ich aber doch noch ungewiss über die Vergebung meiner Sünden bin, was ist das anderes, als Gott zum Lügner zu machen oder gleichsam zu sagen: „Ich weiß nicht, ob man darauf bauen kann, was der Herr sagt!“ Und welch ein Bekenntnis wäre das für einen Christen! „Darum“, sagt Luther, „sollen wir von Tag zu Tag danach trachten, dass wir aus dem Zweifel zur Gewissheit kommen mögen und uns befleißigen, dass wir gründlich mit Wurzeln und allem ausrotten mögen den schädlichen Irrtum, damit die ganze Welt verführt ist, nämlich diesen Wahn, dass der Mensch nicht wissen soll, ob er in oder außer dieser Gnade sei. Denn wenn wir an Gottes Gnade gegen uns zweifeln und halten nicht für gewiss, dass Gott an uns ein Wohlgefallen habe um Christi willen, so verneinen und leugnen wir, dass Christus uns erlöst habe, und werfen hinweg auf einen Haufen all Seine Werke und Wohltaten, die Er je getan hat.“
Wahrlich, wer sich ohne Gewissheit des Schatzes zufriedengibt, der setzt keinen hohen Wert auf denselben! Aber nun bestehen der Friede und die Gewissheit eines Christen nicht darin, dass er sich selber für fromm und gläubig hält und mit sich zufrieden ist, sondern sein Trost und sein Ruhm ist dieser, dass Christus den Tod für uns Sünder erduldet hat und dass er gerecht ist durch den Glauben, d. h. aus Gnaden. Aus diesem Grunde sollten wir mit Recht einen beständigen und unerschütterlichen Frieden haben und sprechen: „In mir bin ich zu allen Stunden der Verdammnis wert, in Christus aber zu allen Stunden rein und gerecht, ja angenehm und geliebt vor Gott. Ich getröste mich nur dessen, was für alle, auch für die größten Sünder, gilt. Denn Christus hat in Seinem Tode wahrlich die ganze Welt versöhnt, nicht nur die Gläubigen.
Gewiss sind meine Sünden erschrecklich, zahlreich und schwer, so dass ich wohl wert wäre, keine fröhliche Stunde mehr zu haben. Da aber Christus doch so gnädig war, meine Sünden auf sich nahm und den Tod für mich Sünder erlitt, will ich nicht verzweifeln, sondern wage zu glauben und mich zu freuen. Ich bin ja nicht auf mich selbst getauft, dass ich in meiner eigenen Gerechtigkeit bestehen sollte, sondern ich bin deshalb auf Christus getauft, dass ich in Ihn und Seine Gerechtigkeit gekleidet sei.
Wollte Gott uns die Sünde zurechnen, wer könnte dann bestehen? Wir können Ihm auf tausend nicht eins antworten. Da das ganze Evangelium Gottes aber bezeugt, dass Gott gerade deshalb Seinen Sohn für uns zu einer Versöhnung gab, so wage ich nicht, es zur Lüge zu machen. Gewiss fühle ich es anders in meinem Herzen und Gewissen; da fühle ich die Gerechtigkeit nicht, sondern im Gegenteil Sünde und Elend. Da Gott aber in Seinem Worte sagt, dass Sünde und Elend, die ich fühle, getilgt, bezahlt und vergeben sind, so will ich Gott größer als mein Herz und einen Gott sein lassen, der nicht lügt. Was Er getan und gesagt hat, ist viel gewisser, als was ich Armer sehe und fühle. Nun hat Er mich nicht nur im Tode Christi mit sich versöhnt, sondern mir auch in den Sakramenten Insiegel und Testament auf den ganzen Seligkeitsschatz gegeben. Er hat in der Taufe meine Person des ganzen Verdienstes Christi teilhaftig gemacht und mir dasselbe mit einem ewig unerschütterlichen Testament zugesichert. Wenn ich auch in Sünde und Unglauben von meinem Schatz weggegangen bin, so ist der Schatz doch nicht weggegangen, und der Bund steht doch fest bei Gott. Denn „sollte mein Unglaube Gottes Treue aufheben? Das sei ferne!“ Bin ich aus der Arche gefallen, so ist diese doch nicht entzweigegangen; ich habe meine Sicherheit in derselben. Die Arche, die Taufe, das Testament, die Gnade bei Gott fallen und wanken nicht durch mein Fallen, sondern stehen fest für und für.
Mein Trost und Frieden gründen sich also auf das, was bei Gott, nicht aber bei mir ist. Mein Ruhm lautet so: „Christi Blut gilt mehr als meine Sünden, Gottes Wort gilt mehr als meine Gedanken und Gefühle. Der Taufbund, das Testament gilt bei Gott, obgleich ich lange Zeit fern von Ihm gewesen bin. Gegen Christi Blut sind alle meine Sünden nur wie kleine Funken gegen das große, weite Meer. Gegen Gottes Wort sind alle meine Einwände, Gedanken und Gefühle nur wie Rauch und Staub gegen einen großen Berg. Auf der Festigkeit dieses Grundes will ich sicher sowohl leben als auch sterben.“
III/329

Ja, ich hab’ in Jesu Wunden
Ew’ge Erlösung gefunden!
Diese hab’ ich allezeit;
Diese gilt in Ewigkeit.




Diese Tagesandacht stammt aus dem „Täglichen Seelenbrot“ von Carl Olof Rosenius. Die Andachten des gesamten Jahres sind in Buchform hier erhältlich.


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