Zum 20. Mai



Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen; und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen. - Offb. 21, 4

Wenn alles das, was zum Ersten gehört, zum ersten Zeitraum auf Erden — nämlich „Tränen“, „Weinen“, „Schreien“, „Schmerzen“ und „Tod“ — vergangen ist, dann wird nur Freude sein und „liebliches Wesen zu der Rechten Gottes immer und ewiglich“. Dann werde ich nicht mehr weinen, mich ängstigen und unter der Macht der Sünde in mir, unter den Versuchungen des Teufels und der Lüge, der Verachtung und der Verschmähung der Welt leiden. Bedenke! Ich werde dann nie mehr unter sündlichen Gedanken oder Begierden leiden, sondern immer heilig, rein, frei und geistlich sein. Dann werden in meinem Herzen Wogen unendlicher Seligkeit sein. Dann werde ich ein Herz haben, das Gott den Herrn vollkommen lieben kann, ein Herz, das keine größere Seligkeit kennt als das Heilige und Wunderbare, das ich schaue und genieße. Dann werde ich nicht mehr nötig haben, mir zu sagen, dass ich Gott lieben soll, sondern ich werde ein Herz haben, das nicht anders kann, als Ihn und alles, was Ihm angehört, zu lieben.
O welch eine selige Zeit, wenn die Sünde uns nicht mehr anklebt! Wir werden nicht mehr kämpfen mit einem aufrührerischen Herzen, das uns jetzt beständig von Gott wegführen will, nicht mehr bedrückt werden von dem tiefen Verderben, von der Trägheit, Kälte oder dem Zorn, der Ungeduld, dem Stolz oder von der Scheu vor dem Bekennen Christi. Kein Straucheln, kein Betrüben des Geistes, keine sündlichen Worte oder Werke werden unser Gewissen mehr kränken. Wir werden dann auf ewig von allem ausruhen. Ferner werden wir nicht mehr irgendwelche Zweifel an der Liebe Gottes fühlen. Wir werden nicht mehr Worte nötig haben wie diese: „Wie kann ich wissen, ob mein Herz aufrichtig vor Gott ist, ob meine Bekehrung wahr oder ob mein Glaube lebendig ist? Ich befürchte, dass alles, was ich tue, Heuchelei ist und dass Gott mir darum zürnt.“ Alles das gehört dem Ersten oder dem Erdenleben an. Alles das wird nun in Lob verwandelt sein. Wir werden nie mehr Gottes Missfallen befürchten. Hier geschieht es oft, dass die Gläubigen den Zorn Gottes sie „drücken und drängen fühlen mit allen seinen Fluten“. Wenn aber dies Erste vergangen ist, dann werden sie vollkommen „sehen und schmecken, wie lieblich der Herr ist“, und Seine Anrede hören: „Ich habe Mein Angesicht im Augenblick des Zorns ein wenig vor dir verborgen, aber mit ewiger Gnade will Ich Mich deiner erbarmen“ (Jes. 54, 8).
Wir sagen nochmals: Bedenke, welch selige Sabbatruhe und Erquickung wird es sein, wenn wir nicht mehr die Versuchung des Fleisches und des Teufels fühlen! Welch ein Schmerz ist es doch für einen Christen, nur Versuchungen zu allem Bösen zu fühlen, — bald diese finsteren und lästerlichen Gedanken von Gott, von Christus, von gewissen heiligen Wahrheiten, bald wiederum Versuchungen dazu, sich zu den gegenwärtigen Dingen zu wenden, mit der Lockspeise der Sünde zu spielen, Freuden in den Lüsten des Fleisches zu suchen, das bereit ist, wie Pulver Feuer zu fangen, sobald ein Funke hineinfällt. Wir schweben hier in beständiger Gefahr. Jeder unserer Sinne, jedes unserer Glieder, jedes erschaffene Wesen kann uns zur Versuchung werden. Wir können kaum die Augen öffnen, ohne diejenigen zu beneiden, die über uns stehen, oder die Geringen zu verachten. Wie bald versündigen wir uns mit der Zunge, vor allem auch mit dem Herzen! Haben wir einen scharfen Verstand, wie bald werden wir aufgeblasen! Sind wir Befehlende, wie bald missbrauchen wir unsere Macht! Sind wir Untergebene, wie bald murren wir über den Vorzug anderer und tadeln sie! Mit solchen Herzen schleppen wir uns herum. Bedenke, wie es sein wird, wenn wir vollkommen frei von all diesem Bösen sein werden! Und dies alles auf ewig, auf ewig, denn „das Erste ist vergangen“.
Alles dieses ist aber nur geredet „wie ein Kind“, und nur von dem Bösen, wovon wir frei werden. Wer aber kann würdig von dem Guten reden, das wir empfangen werden? Davon nämlich, „was kein Auge gesehen hat und kein Ohr gehört hat und in keines Menschen Herz gekommen ist“? Bedenke nur, was der allmächtige Gott tun kann, wenn Er sich vornimmt, Seine heimkommenden Kinder recht zu erfreuen! Er kann unendliche Seligkeit schaffen. Er kann, wenn es erforderlich ist, sogar solche Herzen in uns schaffen, die von selber eine unaussprechliche Freude fühlen. Wir erfahren ja oft, wie Sorge und Freude nur von der Stimmung des Herzens abhängen, so dass ein fröhliches Herz sich ohne besonderen Anlass freut. Bedenke, wenn alle Umstände die seligsten sind und das Herz außerdem frisch und froh, ja so freudetrunken ist, wie der allmächtige Schöpfer es machen kann. Wir lernen verstehen: Wenn die Zeit kommt, zu der Gott Seligkeit bereiten will, dann kann Er auch unaussprechliche Dinge schaffen. Er, der selber die Liebe ist, muss dies jetzt auch wollen, da wir, die wir arg sind, Himmel schaffen möchten. — Herr, vertreibe darum die tiefe Finsternis aus uns! Wir haben ja unaussprechliche Dinge zu erwarten, so wahr Du selber es gesagt hast.
II/444

Kein Ohr hat je gehöret,
Kein menschlich Aug’ gesehn’
Die Freud’, so den’n bescheret,
Die Gott ihm ausersehn;
Sie werden Gott anschauen
Und seh’n von Angesicht
Mit ihres Leibes Augen
Das ew’ge, wahre Licht.




Diese Tagesandacht stammt aus dem „Täglichen Seelenbrot“ von Carl Olof Rosenius. Die Andachten des gesamten Jahres sind in Buchform hier erhältlich.


Andachten anderer Tage: Heute, Gestern, Vorgestern